Im kleinen Ort Richport an Floridas Küste kämpft jede Frau für sich.
Lenie schweigt und ordnet sich unter, um Harmonie zu wahren.
Sena macht, was nötig ist, um wirtschaftlichen Erfolg zu sichern.
Rics stürzt sich in jeden Konflikt, um weibliche Selbstbestimmung zu verteidigen.
Als Kenneth seine Verlobte Lenie aalglatt übergeht, stellt Rics sich ihm vehement in den Weg. Doch ihr Widerstand hat Folgen: Der einflussreiche Anwalt setzt sie unter Druck. Und Sena und Lenie sehen durch Rics ihre Ziele bedroht.
Erst als die vierzehnjährige Madlin Schutz braucht, wird klar, wie hoch der Preis für Schweigen und Anpassung ist. Gelingt es den Frauen rechtzeitig, die gemeinschaftliche Stärke zu erkennen und aufeinander zu vertrauen?
Die einzelnen Stimmen der Frauen haben eine sehr gut ausgearbeitete individuelle Sprech- und Verhaltensweise. Sie sind zwar alle sehr individuell, aber dennoch aus dem Leben gegriffen. Man könnte auch eine von ihnen als Freundin haben. Es ist sehr lebensnah. Die Beschreibungen beim Tauchen sind wunderschön. Authentische, starke Darstellung einer Small-Town-Atmosphäre. Und deine ›red flag‹-Person muss man einfach hassen.
Ich bin nach wenigen Tagen mit dem Buch fertig geworden. Gegen Ende konnte ich nicht mehr aufhören und hab immer weiter gelesen. Das Thema vom Buch finde ich gut gewählt und durch die verschiedenen Handlungsstränge, die dann final zusammenlaufen, treffend von mehreren Seiten beleuchtet. Die Charakter und Handlungen sind durch deren Hintergründe nachvollziehbar. Meine Sympathie für Rics hat sich bis zum Schluss nicht verändert. David ist und bleibt der Schnucki, den die Geschichte benötigt.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Es war schön, etwas anderes als Romance in der Hand zu haben. Es beschäftigt sich mit Frauenfiguren und Rollenbildern in unserer Gesellschaft sowie mit Problemen, die Mädchen und Frauen auf unterschiedliche Weise betreffen. Sehr wichtige Themen! Cool finde ich, dass du all diese Themen in ein spannendes Florida-Setting eingebettet hast.
Mein Kompliment, das ist eine großartige Geschichte mit einer echten, zeitgemäßen Botschaft, die mich emotional berührt hat. Ich bin begeistert! Sprachlich finde ich es sehr gut. Deine Protagonisten bewegen sich nachvollziehbar durch die Geschichte und sie sind authentisch. Ich habe mit ihnen mitgelitten und mitempfunden, was mir richtig gut gefällt. Ich bedanke mich für dein Vertrauen und für diese Geschichte, die mir ein bisschen unter die Haut gegangen ist.
Glücklich verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern, blickt Jule Marek auf ein bewegtes Berufsleben zurück. Sie hat mit Marketing und Handel meist in Branchen mit hohem Frauenanteil gearbeitet, in der Rolle als Mitarbeiterin, Kollegin und in der Leitung. Am überraschendsten fand sie die überkritische Selbsteinschätzung von Frauen – im Gegensatz zu Männern, die mit breiter Brust für sich eingetreten sind.
Deshalb schreibt sie am liebsten über starke Frauen mit ihren Schwächen, Unsicherheiten und Ängsten – so wie sie wirklich sind. Sie verbindet Wohlfühlmomente mit tiefgründigen Themen. Ihre Charaktere haben Fehler und kämpfen um ihr Glück. Sie schreibt mit Happy End und verbindet die schönen Momente mit den Herausforderungen, die das Leben uns stellt. Folgt ihr auf Instagram oder Facebook und helft ihr, einen Fußabdruck im Buchmarkt zu hinterlassen, indem ihr ausführliche Rezensionen bei Amazon, Thalia oder Google verfasst, nachdem ihr ihre Bücher gelesen habt. Denn ohne die bleiben Autoren im Selfpublishing unsichtbar, egal wie gut sie schreiben.
Im Oktober 2025 veröffentlichte sie ihre Office-Romance »Nie wieder Liebe im Büro« und konnte mit rund 3.500 verkauften Büchern einen beeindruckenden Start hinlegen. »Wenn wir Frauen uns einig wären« ist ihr zweites Buch. Und es geht weiter. Eine neue Romance und ein historischer Roman sind in Arbeit, ein Roman, der im Neuseeland von 1780 spielt, wartet auf seine Überarbeitung. Bleibt gespannt.
Wenn die Vernunft Urlaub macht und das Herz übernimmt – eine kurzweilige Romance über die unmöglichste aller Liebesgeschichten: die im Büro.
Ein humorvoller Sommerroman um Bürointrigen und Betrug
Workaholic (Sie) trifft Charme (Er)!
Er hält sich für unwiderstehlich, aber an ihr beißt er sich die Zähne aus, denn sie will sich nie wieder in einen Kollegen verlieben. Als er ihr endlich näherkommt, fragt er sich, ob er lieben kann oder ob ihn nur die Herausforderung reizt. Dann belauscht Sophie im Keller ein Gespräch ...
Nach dem fatalen Ende ihrer Beziehung fängt Sophie in Stuttgart neu an. Sie stürzt sich in die Arbeit und startet das Projekt ›Versöhnung mit der besten Freundin‹ – ein Zeppelinflug über den Bodensee soll es richten. Doch Sophie hat eine Karte zu viel, verschenkt sie spontan an Jan – und weckt sein Interesse. Ausgerechnet bei einem Kollegen und Herzensbrecher! Während Sophie versucht, ihn auf Abstand zu halten, setzt Jan alles daran, sie für sich zu gewinnen. Bis sie in die Bredouille gerät.
… wählte Sophie auf ihrem Handy die Nummer. Besetzt! Genervt legte sie auf und startete einen neuen Versuch. Beim dritten Anlauf hupte es hinter ihr und ihr Kopf fuhr hoch – die Ampel war grün und der Vordermann losgefahren. Sie drückte aufs Gas, sodass ihre Rostlaube einen unschönen Hopser machte. In dem Moment hörte sie über die Freisprecheinrichtung den Rufton – sie war durchgekommen und brauchte sofort einen Parkplatz!
»Sie sprechen mit SWR3, dem Radio für den ›Wilden Süden‹. Wir bitten um einen Moment Geduld, Sie werden in Kürze weitergeleitet.«
Sophie riss das Lenkrad nach rechts und bog, ohne zu blinken, von der Schnellstraße in das danebenliegende Wohngebiet. Ihr Hintermann machte sie mit einem ausgiebigen Test seiner Hupe auf ihr verkehrswidriges Verhalten aufmerksam, doch das war ihr schnuppe. Wartemusik dudelte über den Lautsprecher. Sie bog zweimal kurz entschlossen ab, bis sie eine rettende Parklücke entdeckte.
Schwungvoll lenkte sie vorwärts hinein. Ihr linker Kotflügel ragte unprofessionell auf die Straße, aber in diesem Moment klickte es in der Leitung.
»Stefan Höller, SWR3. Wen haben wir am Apparat?«
Sie schluckte und ihr Puls schoss in die Höhe. »Hier spricht Sophie aus Stuttgart.« Nervös umklammerte sie das Lenkrad.
»Hallo Sophie, freut mich, dich kennenzulernen. Du hast eine Zeppelin-Geschichte für uns und einen überzeugenden Grund, warum du die Karten gewinnen musst?«
»Die habe ich.« Je länger sie sprach, desto sicherer wurde ihre Stimme, gleichzeitig gab sie sich Mühe, sich kurzzufassen. Radio war ein schnelles Geschäft, aber eine Geschichte bestand aus mehr als zwei Sätzen.
»… Lena und ich haben uns mit dem Kleine-Finger-Schwur versprochen, dass wir eines Tages mit dem Zeppelin fahren und im Himmel nach dem kleinen Engel Hingis suchen. Aber nachdem ich ihr das angetan habe … Ich möchte unsere Freundschaft unbedingt retten und meinen Fehler wiedergutmachen. Dafür brauche ich eure Hilfe«, schloss sie und versuchte, nicht daran zu denken, dass der Sender in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu hören war, über den Stream sogar in der ganzen Welt.
»Danke für deine Offenheit, Sophie. So eine Freundschaft ist es wert, darum zu kämpfen. Ich würde dir gern helfen, deshalb werfe ich einen Blick zu unserer Jury, und … ich kann dir sagen – du hast es geschafft! Alle Daumen sind oben. Du bist die Gewinnerin von vier Karten für einen Zeppelinflug über den Bodensee. Na, was sagst du?«
»Yippee, das ist so su… Moment, vier Karten? Wieso denn vier?«
»Der gestrige Anrufer hatte keine Geschichte parat, deshalb sind zwei zusätzliche Tickets in den Jackpot gewandert. Hast du das nicht mitbekommen? Das heißt, du kannst ein paar Freunde einladen.«
Freunde? Welche Freunde? Sophies Umzug von Kirchheim nach Stuttgart war erst drei Monate her und mehr kopflose Flucht als geplante Aktion. Sie hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen. Schon nach einer kurzen Erholungsphase hatte sie ihre ganze Energie in die Stellensuche gesteckt. Das wurde überraschend schnell von Erfolg gekrönt, doch für neue Bekanntschaften fehlte bisher die Zeit.
»Das ist so toll. Vielen, vielen Dank. Ihr seid die Besten«, jubelte sie dennoch. Sie wollte nicht undankbar erscheinen.
»Das hören wir gerne. Weißt du schon, wen du mitnehmen wirst?«
Sophie verdrehte die Augen. »Meine Freundin und ihr Mann Jonas sind auf jeden Fall dabei.«
»Alles klar. Was ist mit der vierten Karte? Gibt es jemanden, der sich darüber freuen darf?«
Ihre Gedanken rasten, doch ihr fiel niemand ein. Sie konnte schlecht ihre Mutter nennen. »Vielleicht … könnten wir sie wieder in den Jackpot geben?«, fragte sie kleinlaut.
»Zurück in den Jackpot?« Der Moderator klang fassungslos.
Schnell lenkte Sophie mit einem Lachen ein. »Das war natürlich ein Scherz. Ich bin sicher, dass ich für die vierte Karte einen Abnehmer finde, mit dem wir Spaß haben werden. Aber ich muss mir darüber erst Gedanken machen.«
»Mensch, jetzt hast du mich fast aufs Glatteis geführt«, entgegnete Stefan Höller amüsiert. »Bleib bitte einen Moment in der Leitung, damit wir deine Daten aufnehmen. Viel Spaß bei eurem Flug am Samstag und ich drücke dir mit deiner Freundin die Daumen.«
Sophie wurde an eine Assistentin weitergeleitet, die ihre Kontaktdaten aufnahm. Beim Auflegen warf sie einen Blick auf die Uhr. Verflixt, sie musste sich sputen, um vor neun an ihrem Platz zu sitzen. Sie hasste es, zu spät zu kommen, vor allem, weil sie diese Arbeitsstelle erst seit wenigen Wochen hatte. Wenn man von einer Buchhalterin etwas erwartete, dann Zuverlässigkeit!
Hinter ihr ertönte erneut wildes Hupen. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr einen Müllwagen, der in der schmalen Straße nicht an ihr vorbeikam. Sie winkte ihm, grinste schief und beeilte sich, den Wagen rückwärts aus der Parklücke zu rangieren. Das zwang den Müllwagenfahrer, zurückzusetzen. Er ließ sie an seinem Unmut durch Mimik und Gesten teilhaben, aber heute würde sie sich die Laune nicht verhageln lassen. Sie hatte endlich die Chance, ihren Fehler auszubügeln.
… dachte Sophie in Hochstimmung. Diese Tickets waren genau das Richtige, um ihre Freundschaft mit Lena zu retten. Im Job bei Wentronix verlief alles bestens, auch wenn sie noch in der Probezeit war. Das Unternehmen stellte Kabel aller Art her. Das war eine zukunftssichere Branche. Außerdem gehörte es zu einem belgischen Konzern mit Tochterfirmen in der ganzen Welt. Sofern sie hinsichtlich ihrer Leistung keine groben Schnitzer beging – und das war bei ihrer Arbeitsmoral höchst unwahrscheinlich – war ihr der Arbeitsplatz sicher. Es war Zeit, auch den Rest in Ordnung zu bringen.
Sie bog auf den Mitarbeiterparkplatz und fuhr auf der Suche nach einer Lücke die Reihen ab. Die Minuten verrannen, während sie sich immer weiter vom Eingang entfernte. Sie fluchte vor sich hin, bis sie am äußersten Ende ein Plätzchen für ihren alten Seat fand. Fahrig sammelte sie ihre Sachen zusammen, schloss das Auto ab und eilte durch den lauen Maimorgen zum Haupteingang. Im Gebäude zog sie ihre Karte durch das Gerät der Zeiterfassung. Eine Minute vor neun – sie hatte es gerade noch geschafft. Immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend sprang sie die Stockwerke nach oben und riss die Tür zur Verwaltung auf. Mit knapper Not wich sie ihrem Chef aus, der sich im Flur seines Mantels entledigte. Fast hätte sie ihn umgerannt.
»Da ist jemand in Eile«, bemerkte er jovial.
»Guten Morgen, Herr Schubert«, grüßte sie und rang sich ein Lächeln ab. Er war ein sportlicher Mittvierziger, der gerne schmale Bossanzüge mit weißen Turnschuhen kombinierte – in Sophies Augen zu geschniegelt. Aber er war immer höflich und sie hatte kaum direkt mit ihm zu tun. Er nickte ihr knapp zu und verschwand im Büro nebenan. Sophie atmete durch und drückte schwungvoll die Tür zu ihrem Arbeitsplatz auf.
Azra Toprak schaute von ihrem Monitor auf – die anderen Plätze waren noch verwaist – und grinste sie an. »Guten Morgen. Na, so viel Energie heute?«
Sophie seufzte. »Bin spät dran«, entschuldigte sie sich, trat durch die Tür und schubste sie hinter sich zu. Es war eine schwere Holztür, die normalerweise mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel – außer heute.
»Huch. Oh nein!«
Sophie wirbelte herum und starrte Gabriele Hellermann an, die mit ihrer linken Hand die Tür daran hinderte, vor ihrer Nase zuzuknallen. Der Inhalt des Porzellanbechers, den sie in der rechten hielt, war dem abrupten Manöver nicht gewachsen und auf ihre Bluse geklatscht. Entsetztes Schweigen folgte.
»Das tut mir so leid.« Bestürzt zerrte Sophie Taschentücher aus ihrer Handtasche. »Ich hoffe, Sie haben sich nicht verbrüht.« Gabrieles missbilligende Blicke brannten Löcher in ihre Haut, als sie sich anschickte, ihre Bluse abzutupfen. Sie riss ihr das Päckchen aus der Hand.
»Ihr Glück, dass der Kaffee fast kalt war«, fauchte sie und verschwand Richtung Damentoilette.
Schuldbewusst schaute Sophie ihr nach. Erst mit Verzögerung lief sie zum Putzraum im Flur, um Wischtücher zu holen und die Bescherung auf dem Boden aufzuwischen. Doch die Spuren im graublauen Teppichboden waren nicht zu übersehen, egal, wie sie sich abmühte.
»Wie peinlich«, murmelte sie und winkte ab, als Azra helfen wollte. Es reichte, dass sie selbst auf dem Boden krabbelte und Spritzer von der Schrankwand rieb.
»So was passiert, mach dir keine Gedanken.« Ihre Kollegin schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, rollte wieder an ihren Schreibtisch und setzte ihre Tätigkeit fort. Vielleicht war es ihre Erfahrung bei der Erziehung von drei Kindern, die sie stets die Ruhe bewahren ließ, obwohl sie Mitte dreißig und nur acht Jahre älter war als Sophie.
Gabriele kehrte mit einem großen nassen Fleck auf ihrer Bluse zurück. Ihr Kleidungsstil – dunkle Farben mit großflächigen Mustern – ließ sie deutlich älter wirken als Mitte vierzig. Aber sie war überzeugt, dass er von ihrer überdurchschnittlichen Oberweite ablenkte. Heute war Sophie froh darüber, denn so war das Oberteil auch in durchweichtem Zustand nicht durchsichtig!
»Soll ich Ihnen einen neuen Kaffee holen?«, nahm sie einen weiteren Anlauf, die Wogen zu glätten. Doch Gabriele wedelte, ohne aufzusehen, abwehrend mit der Hand. Sophie seufzte kaum hörbar und ließ sich auf ihren Bürosessel fallen.
Sie war froh, dass der Tisch gegenüber noch verwaist war, denn der gehörte ihrer Chefin. Sie hatte kein eigenes Büro. Ihr einziges Privileg war, dass ihr Schreibtisch es erlaubte, den Raum zu überblicken. Hinter Sophie teilten sich ihre Kolleginnen einen zweiten Schreibtischblock.
Sie fuhr ihren Computer hoch. Ihre erste Aufgabe am Morgen war die Bearbeitung der Mails im Sammelpostfach der Abteilung. Es kostete sie Mühe, sich auf ihre Tätigkeit zu konzentrieren, denn sie hatte das Gefühl, dass Gabrieles Missmut gegen ihre Rücken waberte. Doch der Posteingang war voll, über das Wochenende hatte sich einiges angesammelt. Sie riss sich zusammen und bearbeitete zügig eine Nachricht nach der anderen. Sie kontrollierte die Eingangsrechnungen und legte sie für die spätere Buchung elektronisch ab, beantwortete Anfragen und prüfte, ob Mahnungen inzwischen bezahlt waren. Sophie kannte die meisten Absender, doch bei der nächsten Nachricht klang der Name nicht vertraut. Sie klickte auf das angehängte Dokument. Im gleichen Moment erkannte sie ihren Fehler, warf sich unter ihrem Schreibtisch auf den Rücken und zerrte sämtliche Stecker aus der Mehrfachsteckdose, die an der Tischplatte befestigt war.
Erschöpft blieb sie auf dem Boden liegen, ihr Herz tanzte einen flotten Samba.
»Was ist passiert?« Azra wandte sich um und starrte auf Sophie hinunter, die sich langsam aufrappelte.
»Das ist ja wohl …!«, setzte Gabriele an. Sie hatte sich aus ihrem Stuhl erhoben, um über ihren und Azras Schreibtisch hinwegzusehen.
»Virus«, stieß Sophie hervor.
Azra blinzelte. »Virus? Was meinen Sie damit?«
Gabriele schüttelte verständnislos den Kopf.
»Wir haben eine Mail bekommen, die aussah, als sei sie von einem Kreditor«, erklärte Sophie. »Aber das angebliche PDF war eine exe-Datei. Rechnungen sind nie exe-Dateien. Das war ein Virus oder ein Trojaner oder so.« Sie stand auf und ließ sich in ihren Stuhl fallen. »Ich wollte vermeiden, dass das ins Netzwerk gelangt. Aber in der Eile war in meinem Hirn der gleiche Kabelsalat, der jetzt unter dem Schreibtisch herrscht. Ich habe keine Ahnung, welches der richtige Stecker ist.«
Gabriele zog verständnislos die Augenbrauen zusammen, doch Azra nickte.
»Am besten, Sie rufen die IT an«, empfahl sie.
Sophie griff nach dem Hörer. Mit einem Schnauben ließ sie ihren Kopf gegen ihre Rückenlehne fallen. »Das Telefon ist tot, sein Stecker war auch dabei.«
Azra lachte. »Ich mach schon.« Sie drückte die Kurzwahltaste und schilderte die Sachlage. »Es kommt gleich jemand hoch.«
Was für ein Morgen!
Nach wenigen Minuten stapfte ein Mann in ihr Büro. Ihm fielen sonnengebleichte Locken in die Stirn, ließen nur knapp die strahlend blauen Augen frei und kringelten sich in seinem Nacken.
»Hallo, die Damen. Wo ist denn der Unglücksrabe?«, erkundigte er sich munter wie bei einem entspannten Treffen im Kreis seiner Freunde. Er entdeckte das Kabelchaos unter Sophies Schreibtisch und sein Blick flog zu ihr. »Alles klar. Schon gefunden.« Sein Grinsen wurde verschmitzt und seine Fröhlichkeit schwappte wie eine Welle über sie hinweg. »Wir kennen uns nicht, oder? Ich bin Jan Neumann.« Er hob die Hand zum Gruß, sah sie fragend an und steckte seine langen, schlanken Finger in die Hosentaschen seiner abgewetzten Jeans.
»Sophie Brandt«, stellte sie sich vor.
»Erzähl, was ist passiert?« Seine Fröhlichkeit ließ seine Augen blitzen.
Sie riss sich zusammen und schilderte die Ereignisse.
»Das war aber ein beherzter Eingriff, um die Firma zu retten«.
Ihre Wangen wurden heiß. Lachte er sie aus? Sophie hätte gern mit einem lockeren Spruch gekontert, aber ihr Hirn war wie leer gefegt. Jan trat an ihren Schreibtisch, der wie die anderen mit der kurzen Seite an der Fensterfront stand. Seine Schultern waren so breit, dass sie den Raum zwischen ihrem Stuhl und der Fensterbank einnahmen. Sie registrierte seinen Duft, der sie an einen Tag am Meer erinnerte – und das in Stuttgart, wo nicht mal ein Baggersee zu finden war. Es passte zu seinem Surfer-Style. Er zog den schwarzen Kasten, der in der Ecke der Schreibtischplatte stand, ein Stück nach vorn und deutete auf den blauen Stecker an der Rückseite.
»Das ist dein Rechner und das hier das Netzwerkkabel. Nächstes Mal Plastiknase herunterdrücken und ziehen.« Er lehnte sich gegen die Fensterbank. »Wobei es wahrscheinlich zu spät ist, bis du reagierst. Aber ist ja nicht so, dass dein Rechner keine Schutzsoftware hätte. In den meisten Fällen verhindert sie Schlimmeres.«
Sophie schob ihren Stuhl zurück, um seiner beunruhigenden Nähe zu entkommen.
»Trotzdem ist es gut, dass du es gleich gemeldet hast«, fuhr er unbekümmert fort. »Ich nehme deinen Rechner mit in die IT und lasse ihn von Sven überprüfen. So grenzen wir einen möglichen Schaden ein. Er kann sicherstellen, dass es keine Auswirkungen auf unser Netzwerk hat.«
Ihre Kolleginnen verfolgten das Gespräch. Bei Jans letzten Worten vertiefte sich das Stirnrunzeln auf Gabrieles Stirn.
»Ich hatte keine Ahnung, dass E-Mails so gefährlich sind. Warum sagt einem das niemand?«
Jan zog die Stirn kraus. »Eigentlich gibt es von uns regelmäßig Nachrichten, die auf das Problem hinweisen.«
»Die versteht doch kein normaler Mensch«, grummelte sie und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit.
Sophie unterdrückte ein Lachen, als ihr Blick mit Jans kollidierte. Er hatte keine Vorstellung, was für ein Dschungel die Welt ohne technisches Wissen war.
»Wie arbeiten Sie weiter, wenn ihr Rechner in der IT ist?«, fragte Azra ganz pragmatisch.
Jan zuckte mit den Schultern. »Wir richten einen Ersatzrechner ein. Das wird nicht lange dauern. In der Zwischenzeit kannst du ja einen Kaffee trinken.«
»Ist das in Ordnung?«, versicherte sich Sophie bei Azra.
»So, wie ich das sehe, bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Gehen Sie nur.«
»Gibst du, äh, geben Sie Marlene Bescheid?« Ihre Chefin würde vermutlich jeden Moment dazustoßen. Azra nickte zustimmend.
Sophie holte den Chip, mit dem man in der Kantine die Kaffeemaschine nutzte, aus ihrer Schublade. Jan löste derweil die Anschlüsse vom Rechner und steckte die Netzstecker an der Unterseite der Tischplatte zurück in die Buchsen. Dafür legte er sich unter den Schreibtisch, direkt vor ihre Füße. Unauffällig musterte sie die angespannten Bauchmuskeln, die sein hochgerutschtes T-Shirt entblößte. Es war wirklich bedauerlich, dass er ein Kollege und damit tabu war. Aber das hinderte sie nicht daran, die Aussicht zu genießen.
Im Erdgeschoss stiefelten sie in ein enges Büro, das in jeder freien Ecke mit Rechnern, Monitoren, Kabeln und Tastaturen vollgestopft war. Die IT-Abteilung in Sophies letzter Firma hatte genauso ausgesehen. Man könnte meinen, es gehörte zur Jobbeschreibung: Tätigkeit mit wenig Bürofläche zu vergeben, dafür mit Unmengen Ausrüstung, für die es nicht genügend Schränke gibt und die niemand entsorgt. Sie grinste. Jan besprach die Sachlage mit seinem Kollegen.
»In zwanzig Minuten habe ich einen Ersatzrechner fertig«, versprach Sven Holtke und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
»Das reicht, um dir einen Kaffee zu spendieren. Wenn du tatsächlich ein Schadprogramm aufgehalten hast, ist dir die IT-Abteilung zu Dank verpflichtet.« Erneut ließ Jan sein unbeschwertes Grinsen aufblitzen. Sophie hatte nichts einzuwenden.
Die Kantine war um diese Zeit menschenleer. Jan holte zwei Tassen, ließ den Kaffee aus der Maschine in der Ecke und setzte sich mit Sophie an einen Tisch.
»Sag mal, was ist das bei euch für ein Durcheinander mit Vornamen und Sie?«
Sie verzog das Gesicht. »Gabriele ist einverstanden, dass wir uns mit dem Vornamen ansprechen, aber sie kann sich nicht durchringen, sich unter Kollegen zu duzen. Alte Schule eben. Damit sie sich nicht ausgeschlossen vorkommt, nutzen wir alle das förmliche ›Sie‹ – zumindest in ihrem Beisein.«
Er lachte auf. »Mit der Regelung hat eure Abteilung ein Alleinstellungsmerkmal.«
»Ich weiß, im Rest des Unternehmens werden nur der Geschäftsführer und die Personalleiterin gesiezt.« Sophie verdrehte die Augen. »Mir wäre es anders auch lieber. Ich komme ständig durcheinander, ob ich Azra mit Sie oder Du anspreche.« Sie hob den Keramikbecher. »Danke für den Kaffee.«
Der ITler trank seinen mit Hingabe und nahm sie dabei genau unter die Lupe. Sophie kam sich vor wie ein Insekt unter dem Vergrößerungsglas. Wahrscheinlich hatte er ständig mit Dilettanten zu tun und überlegte, ob sie im Umgang mit Technik nur ungeschickt oder generell dämlich war. Verlegen fuhr sie sich durch ihre glatten, schwarzen Haare. »Ich habe befürchtet, eine Katastrophe zu verursachen, und das in der Probezeit.« Sie behielt für sich, dass sie technisch keineswegs hilflos war. Das verschlimmerte die Blamage, schließlich wurde man ständig vor Phishing gewarnt.
Doch Jan zuckte mit den Schultern. »Von den dreihundert Mitarbeitern dieser Firma gibt es höchstens fünfzehn, die das Thema auf dem Schirm haben.« Er wischte eine Locke zur Seite, die ihm in die Stirn fiel. »Der Rest klickt gedankenlos auf jeden Anhang und erwartet, dass unser Virenscanner die Folgen verhindert. Mach dir keinen Kopf.« Sein Grinsen war ansteckend und überzeugte sie, dass er sie nicht für einen hoffnungslosen Fall hielt. Aber warum musterte er sie so intensiv? Sophies Puls beschleunigte sich. Er machte sie nervös.
»Ich erinnere mich nicht, dich gesehen zu haben, dabei laufe ich sonst jedem mal über den Weg, zumindest jedem mit einem Rechner.« Er streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus und zuckte nicht zurück, als seine Wade ihren Unterschenkel berührte. Offensichtlich teilte er ihre irrationale Unruhe nicht.
Unauffällig wickelte sie ihre Füße um die Stuhlbeine. »Ich habe erst vor sechs Wochen angefangen.« Sophie legte ihren Kopf schief und konterte seine Musterung offensiv. »Es gab eine Vorstellungsrunde in allen Abteilungen, aber du warst nicht dabei. Daran könnte ich mich erinnern.« Kaum hatten die Worte ihre Lippen verlassen, bedauerte sie es. Das klang viel zu sehr nach flirten!
Jan grinste verschmitzt. »Mitte März? Da habe ich meinen Resturlaub abgebaut, beim Snowboarden.«
Sophie spielte mit dem Kaffeechip in ihren Fingern, während sie ihn grübelnd betrachtete. Er war nett und unkompliziert. Ihre Instinkte schlugen Alarm, weil er mit seinem Aussehen und der lockeren Art das war, was ihre Mutter einen ›Hallodri‹ nennen würde. Doch das war gleichgültig. Sie würde nichts mit ihm anfangen, sondern hatte ein überzähliges Ticket für einen Zeppelinflug. Er war schon am Wochenende und sie musste zügig festlegen, wem sie die Karte überließ. Jemand, mit dem sie und ihre Freunde Spaß hatten. Jan schien ihr der perfekte Kandidat.
»Hast du am Samstag schon was geplant?«, stieß sie hervor, bevor sie es sich anders überlegte. Wenn sie ihn mit dieser Frage überrumpelte, war ihm das nicht anzumerken – er verzog keine Miene.
»Bis jetzt nicht, aber vielleicht gleich? Warum?«
Er wurde nicht zum ersten Mal von einer Frau eingeladen, so wie er reagierte. Besser, sie verlor das nicht aus dem Auge.
»Ich bin neu in Stuttgart.« Sophie drehte den Chip in ihren Fingern schneller. »Deshalb, na ja, kenne ich hier nicht viele Leute. Heute Morgen habe ich im Radio Karten für einen Zeppelinflug gewonnen. Für Samstag. Nachdem du mich so heldenhaft gerettet hast, habe ich mich gefragt, ob du …«
»Bin dabei«, fiel Jan ihr ins Wort. »Das ist mega! Wir werden uns einen Traumtag machen.« Er zwinkerte ihr zu.
Sophie hob eine Augenbraue und warf ihm einen skeptischen Blick zu. Er hielt ihre Einladung für ein Date. Na, super! Aber jetzt war es zu spät, sie konnte das Angebot nicht mehr zurückziehen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit. Besser sie stellte das gleich klar. »Nicht falsch verstehen, Romeo. Das ist ein Dankeschön, mehr nicht.«
Er stutzte, dann zuckte er mit den Schultern und grinste. »Keine Sorge, ganz wie du willst.«
Sie musterte ihn forschend. Hatte sein Lächeln einen Hang ins Spöttische? Sophie beschlich eine Ahnung, dass Jan sie nicht beim Wort nahm.
»Wann und wo steigt die Sache?«, unterbrach er ihre Überlegungen.
»Der Zeppelin startet in Friedrichshafen am Bodensee. Ich habe vier Karten gewonnen und frage meine Freundin, ob sie und ihr Mann es einrichten können. Wann es losgeht, wie lang der Flug dauert und so weiter, erfahre ich vom Sender im Laufe des Tages per Mail.«
»Alles klar.« Er leerte den Rest seines Kaffees und stellte ihre beiden Becher auf den Geschirrwagen. »Dann lass mir die Infos zukommen, sobald du sie hast. Ich freu mich darauf.«
Sophie musterte ihn kritisch. Ihm schien das anfängliche Missverständnis nicht peinlich zu sein.
»Ein Flug mit dem Zeppelin!« Er stieß sie spielerisch mit der Schulter an und schüttelte den Kopf. »Wenn du noch ein paar infizierte Mails anklicken willst, stelle ich sie dir gern persönlich zur Verfügung.« Seine Augen blitzten schelmisch, während sie in die IT-Abteilung zurückkehrten, und brachten sie zum Lachen.
Sophies Ersatzrechner wartete bereits. Sie nahm das Gerät, winkte Jan zu und kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück. Hoffentlich bedauerte sie diese Einladung nicht.
… war Balsam für Sophies Seele – normalerweise. Doch heute schlich sie um ihr Telefon herum. Sie tigerte durch ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit Kochnische, beschäftigte sich ausgiebig mit ihrem Abendessen und kümmerte sich um ihre Wäsche. Der Parkettboden glänzte staubfrei, der Esstisch hatte eine blitzblanke Glasplatte, die Oberflächen in der Küche waren sauber und das Geschirr in der Maschine verstaut. Bevor sie noch das Bad putzte, sollte sie den Hörer in die Hand nehmen. Doch sie starrte ihr Telefon an wie die Schlange den Fakir. Fünfzehn Wochen Funkstille war eine lange Zeit für beste Freundinnen seit dem Kindergarten. Vorher waren sie selten mehr als zwölf Stunden ohne Kontakt. Sie wollte, nein, sie musste Lena heute anrufen. Der Flug war in fünf Tagen und sie hatte keine Ahnung, ob sie Zeit hatte. Oder Lust.
Ihr entschlüpfte ein freudloses Lachen. Letzteres war das größere Problem, nachdem sie ihre Freundin so grandios im Stich gelassen hatte. Sophie ließ sich auf ihren blauen Zweisitzer fallen und zog die Beine an, das Handy in der Hand. Kurz schwebte ihr Daumen über dem Instagram-Icon, doch sie riss sich zusammen und klickte auf Lenas Kontakt. Das Rufzeichen ertönte genau einmal, dann kam die Verbindung zustande.
»Ach was, dass du dich bei mir meldest! Ich fühle mich zutiefst geehrt.« Die ersten Worte ihrer Freundin troffen vor Ironie.
Sophie stützte ihren Kopf in eine Hand und holte Luft. »Es tut mir leid. Du hast jedes Recht, sauer zu sein.«
»Das will ich meinen!«
»Hast du die Mail bekommen?«, fragte Sophie defensiv.
»Die, in der du mir am Abend vor meiner Hochzeit erklärt hast, dass du die Stadt verlässt?«
Sie seufzte. »Ich hätte die Wahrheit auch lieber an einem anderen Tag erfahren. Danach konnte ich nicht … Ich meine, du hast fast den ganzen Ort eingeladen. Bitte, Lena. Es war so demütigend. Ich hätte es nicht ausgehalten.«
Das Schweigen wurde mit jeder Sekunde, in der es zwischen ihnen stand, unerträglicher. Damals hatte Lena auf ihre feige Nachricht nicht reagiert, deshalb gab es keinen Raum für Erklärungen, geschweige denn einen der Situation angemessenen Streit, der die dicke Luft beseitigt hätte. Je mehr Zeit verging, desto verzwickter wurde die Sache.
Sophie hatte häufig gegrübelt, wie sie wieder Kontakt aufnehmen könnte. Sie vermisste ihre beste Freundin und hatte sich viel zu lange nicht überwunden, die Mauer des Schweigens einzureißen. Unbehaglich nagte sie an ihrer Unterlippe.
»Ach, Süße«, erbarmte sich Lena endlich. »Ich kann mir vorstellen, dass das mies war. Aber es ist genauso übel, am Hochzeitsmorgen nach einer neuen Trauzeugin zu suchen.«
Sophie entschlüpfte ein Geräusch, von dem sie selber nicht wusste, ob es ein Schluchzer oder ein Lachen war.
»Und Jonas' Schwester war ein lausiger Ersatz, das kann ich dir sagen!«, schob Lena hinterher.
Sophie rieb sich die Augen und verteilte ihre Wimperntusche großzügig in ihrem Gesicht. So perfekt Lenas Mann war, so nervig benahm sich seine Schwester. Sie quatschte unentwegt Belanglosigkeiten und endete nach jedem zweiten Satz mit einer Frage, zu der sie Bestätigung einforderte.
»Vielleicht habe ich etwas, das es dir erleichtert, mir zu verzeihen.«
Ihre Freundin schnaubte. Egal, sie würde es versuchen.
»Du hast was?«, brüllte Lena in den Hörer.
Sophie lehnte sich angespannt vor und nippte an dem Wein, den sie zur Stärkung ihrer Nerven bereitgestellt hatte. »Unsere Geschichte war perfekt für den Aufruf des Senders. Sie handelt wie gefordert von Freundschaft und einem Zeppelin. Ich war mir sicher zu gewinnen, sofern ich telefonisch durchkam.«
»Und du hast alles im Radio erzählt, jedes peinliche Detail? Dir ist schon klar, dass SWR3 bei uns zu hören ist?«
»Na und? Sie zerreißen sich sowieso das Maul. Ich habe weggelassen, was Milo über mich verbreitet hat, alles andere hat sich herumgesprochen.«
»Stell dir vor, ich hätte in dem Moment Radio gehört. Ich wäre ausgeflippt«, sprudelte sie aufgekratzt hervor.
Sophie grinste. Das wäre sie. Lena war temperamentvoll und impulsiv. Gemeinsam waren sie oft von einer Peinlichkeit in die nächste Katastrophe geschlittert. Aber sie hatten jede Menge Spaß dabei.
»Wie viele Tickets hast du gewonnen. Zwei?«, nahm Lena den Faden wieder auf.
»Vier. Jonas kann gerne mitkommen.«
»Klasse, und wer bekommt die vierte Karte?«
Sophie räusperte sich. »Na ja, die habe ich heute spontan verschenkt.«
Lena gab einen ächzenden Laut von sich. »Einfach so? Und wem?«
Bereitwillig erzählte Sophie von den morgendlichen Ereignissen.
»Jan also, hm? Ist er sexy?«
Sie dachte an den gut gebauten ITler mit dem verschmitzten Lächeln. War er sexy? Und wie! Aber Jan war ein Kollege und damit tabu. Dass er sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst zu sein schien, war ein weiteres K.-o.-Kriterium.
»Das spielt keine Rolle. Er war hilfsbereit und geduldig. Ich wollte mich bedanken.«
»Mit einer Karte für einen Flug mit dem Zeppelin? Weißt du, was die wert ist?«
»Wofür soll ich sie aufheben?«, entgegnete Sophie. »Ich kenne in Stuttgart wenig Leute und habe kurzfristig null Alternativen.« Sie hatte sich keine Sekunde überlegt, was so ein Ticket kostete.
»Ach was, er gefällt dir, da machst du mir nichts vor. Aber ich freue mich für dich, wenn du der Liebe nach dem Fiasko mit Milo wieder einen Platz einräumst.«
Milo. Bei der Erinnerung an ihren Ex lief es Sophie heiß und kalt den Rücken hinunter. »Dieser Mistkerl war der Grund, dass ich die Firma und den Wohnort gewechselt und alle Kontakte abgebrochen habe. Dank ihm werde ich nie wieder eine Beziehung am Arbeitsplatz eingehen, da kannst du sicher sein. Ich konzentriere mich ausschließlich auf meinen Job. Ein harmloser Ausflug mit einem Kollegen ändert daran nichts, egal, wie gut er aussieht.« Das Thema regte sie auf, sodass ihr Ton unerwartet scharf klang.
»Wow, ist ja gut. Kein Grund, auszuflippen«, besänftigte Lena sie. »Nicht jeder zieht nach dem Ende einer Beziehung ein so abgekartetes Spiel ab wie dein Ex.«
Sophie schluckte. In den Augen ihrer Freundin war es übertrieben gewesen, alles hinter sich zu lassen und neu anzufangen. Doch sie hatte nicht mit dem Ex in derselben Firma gearbeitet und sich täglich spitze Bemerkungen angehört oder schräge Blicke ertragen. Lena arbeitete als freie Mitarbeiterin einer Zeitung und diverser Onlineplattformen überwiegend von zu Hause und hatte nie viel Zeit mit Kollegen verbracht.
»Dann kommt ihr am Samstag mit?«, wechselte sie das Thema. Sie biss sich auf die Lippe und hielt das Telefon unwillkürlich fester in der Hand.
»Auf jeden Fall. Dafür setze ich Himmel und Hölle in Bewegung. Falls Jonas etwas dazwischenkommt, bringe ich seine Schwester mit.« Sie lachte glucksend.
Sophie verdrehte die Augen. »Wehe. Was hältst du davon, wenn ich am Freitag zu euch komme und wir samstags gemeinsam nach Friedrichshafen fahren?«, schlug sie vor.
»Klar, warum nicht.«
Sophies Haltung lockerte sich. Das Projekt Versöhnung war geglückt. »Soll ich eine Flasche Hugo mitbringen?«
»Mach das. Am besten gleich zwei! Aber glaub nicht, dass deine Buße damit erledigt ist. Ich habe mindestens drei weitere Wünsche frei.« Sophie stimmte ergeben zu. Wenn sie wieder Freundinnen waren, war sie zu fast allem bereit.
»Wir sind nicht die einzigen Gewinner«, ergänzte sie. »Wie ich das verstanden habe, sind die Tickets einer ganzen Gondel verschenkt worden. Wir besichtigen den Hangar, der wegen seiner Größe eine eigene Sehenswürdigkeit ist, und es gibt Sekt und Häppchen.«
»Ich kann es kaum erwarten. Das ist genial.« Lena kicherte vor sich hin. »Weißt du, wie Jan hinkommt? Hat er ein Auto?«
»Ja, hat er. Ich habe ihm die Mail mit den Einzelheiten weitergeleitet. Er schrieb, er wird rechtzeitig in Friedrichshafen auftauchen.«
Es war spät, als Sophie mit einem Grinsen im Gesicht auflegte. Wieder mit Lena zu reden, hob ihre Laune gewaltig.
Zufrieden öffnete sie ihren Laptop und loggte sich in das Firmennetzwerk ein. Sie würde noch nach der Differenz bei den Rückstellungsbuchungen suchen. Sie hoffte, mit ihrem Einsatz in der neuen Firma Eindruck zu machen. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, ihrem beruflichen Erfolg Priorität einzuräumen. Sie unterdrückte ein Gähnen und ignorierte, dass sie nur wenig Lust hatte. Es war alles eine Frage der Disziplin.
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